Derivat

Nehme vorlieb mit dem
schwer erziehbaren
Nachwuchs toter Sprache
Ahme nach, was danach ruft
Bruchteile von dir
zu fassen
in den Rahmen
meines Verstands

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Tür und Tor

Gerade will ich die Tür schließen, da stellt die Verzweiflung ihren Fuß dazwischen. Und bevor ich den Topfdeckel zumachen kann, steigt mir heißer Erinnerungsdampf ins Gesicht.

Für dich aber rolle ich die Worte zwischen den Handtellern hin und her, vom einen in den anderen, bis nichts mehr zu rollen ist, bis eines zerbricht, weil zu groß.

Wenn die Stille mir die Ohren zerfetzt, weil sie deine Abwesenheit bedeutet, ist der Zeitpunkt gekommen.

Die Schachtel voller Momente platzt dann aus falschen Nähten. Richtet sich konfusest, urplötzlich gegen mich. Reckoner von Radiohead sagt „You are not to blame for bittersweet distractors“.

 

Seither

seit jeder von euch keinen bin ich
in kryptik verblieben schmecke den rand ab
aus versehen weiß ich:
das ist zu fällig.
entgegen der gesetze unter den wegen oder
zwei von uns zufällig entgegengesetzt unterwegs

Taru

*weid-

Onko täällä ketään?

[sei-3SG-QUEST hier-SUP wer-PL-PART]

Ist hier jemand?

Das steht auf dem ersten Zettel, den ich aus der Kiste auf dem Dachboden fische.

Sielu on kipeä.
[Seele-SG-NOM sei-3SG-PRS schmerzhaft-NOM]
Die Seele schmerzt.

Am Anfang, und nicht nur da, geht es um Mut.

Du musst mutig sein. Auf Finnisch mit Dativadverbial. Dir muss mutig sein. Indirekter. Weniger Messer auf der Brust. Fast wie ein guter Wunsch.

Ich merke schnell, dass ich da Notiz- oder Tagebücher vor mir habe.

Manchmal schreibt sie von sich selbst in der 3. Person.

Die Pro-Drop-Tendenz des finnischen Satzbaus wurde Taru schon öfter zum Verhängnis. Sie durchzieht den gesamten Alltag. Bisweilen wird sie ihr als Desinteresse ausgelegt.
Taru ist nicht polyvalent.

Du warst das Agens-Subjekt, sie das Patient-of-change-Objekt.

Subjekte in allen Sprachen haben die Tendenz definit, topikal und animiert oder sogar human zu sein. Also nicht My heart has been smashed by you, sondern you smashed my heart.

Ein Gedanke, der im Kopf entstanden ist, setzt sich durch den Körper fort und landet hart im Bauch, wo er eine unangenehme Welle verursacht, die bei ihrer Brandung gegen die Innenwand schlägt.

Ich lese weiter.

Manchmal bedeutet am Leben zu sein nur, eine Wohnung zu besetzen, Platz in der Welt zu beanspruchen, Müll und Staub zu produzieren, den verdauenden, atmenden Organismus durch die Straßen zu tragen, den ständig fordernden Körper mit Energie zu versorgen, um dann doch wieder alles nur auszuscheiden.

Und manchmal bedeutet es mehr. Viel mehr, Taru.

Ab hier erfolgen Tarus Einträge in der ersten Person:

Wo Mut ist, muss erst Angst sein.

Ich reduziere mich oft zum Nullsubjekt, wenn ich dieses Wort sage. Pelottaa. Es bedeutet ‚Ich fürchte mich‘.

Im Finnischen gibt es einige Verben, deren Valenz kein Subjekt fordert. In vielen Fällen ist es jedoch möglich, ihnen trotzdem ein solches zuzuweisen. Konnte es lange nicht.

*wulfaz-

Plötzlich steht eine Frau vor mir und für ein Infinitesimal eines Augenblicks erschrecke ich. Vor ihren hellen, graublauen Augen. Sie haben so etwas Durchdringendes. Ich weiß nicht, wohin ich schauen soll. In ihrer Stimme liegt etwas unfassbar Warmes. Jetzt wartet sie auf meine Antwort. Ihr ganzes Wesen strahlt Aufnahmebereitschaft aus, Bereitwilligkeit, meine Schallwellen zu empfangen. Es dauert ein paar Sekunden, bevor sie diese auch bekommt.

Es ist irrelevant, was wir in den nächsten drei Stunden zueinander sagen. Wichtig ist nur, dass es nach Nadelwald und Harz riecht und dieser Duft so gut zu ihr passt.

Und immer noch wage ich nichts zu fragen. Es scheint mir, als würde das diese unglaubliche Person neben mir entzaubern.

Ich muss die Saunahütte verlassen, weil mir zu heiß wird. Sie folgt mir nach draußen und greift sanft nach meinem Ellbogen. Es ist immer noch hell. Endlich verrät sie mir ihren Namen. Ihre Stimme vibriert dabei genau auf der richtigen Frequenz, sodass mich ein Schauer durchläuft. Aktiv muss ich dem Drang widerstehen, den Namen mehrmals laut vor mich hinzusprechen. Ylva, Ylva, Ylva.

»Schön, dass du da bist«, sagt die Wölfin und sieht direkt in mich hinein.

Darf ich mehr über dich erfahren, frage ich nicht, als wir am nächsten Morgen vor dem Kota sitzen.

Ylva bemerkt, dass die Realität über mich hereingebrochen ist und legt ihre Hand auf meine.

Du verbringst den ganzen Tag mit mir und stellst angenehm wenige Fragen. Musst selbst nichts gefragt werden, dich nicht profilieren. Am Abend jedoch schickst du mich fort, sagst mir, dass jemand zu Besuch käme. Ich ahne Schmerz, fürchte, dass dieser Besuch ähnlich ablaufen könnte wie meiner. Aber ich gehe. Wandere an einer Bergflanke entlang und entscheide mich letztendlich doch für die Überquerung. Ein See. Greifvögel und Böden voller Flechten. In mir Einsamkeit.

Der Fuß des Čohkarášša liegt vor mir. Er ist nicht zweisprachig, trägt stolz nur den samischen Namen. Heute ist ein klarer Tag und ich bin fassungslos angesichts der Farben. Bevor ich Fotos mache, stehe ich minutenlang einfach nur da und drehe mich langsam um die eigene Achse.

Ylva wird nicht nachkommen! Der Gedanke ließ mich heute aufwachen. Er war so laut.

Weil ich in diesem Moment der einzige Mensch auf dem ganzen Planeten bin, der genau aus diesem Winkel auf den Čohkarášša blickt. Weil nur ich mit dem Fuß auf genau dieses Stück Flechte trete, fühle ich mich zurückgelassen. Es ist, als hätte Ylva mich persönlich hier hingesetzt und wäre gegangen.

Etwas in mir zerrinnt langsam. Größtenteils unerforscht.

Einem ungenauen Impuls folgend rufe ich etwas hinaus. Worte haben so viel mehr Gewicht, wenn man sie in einen leeren oder sehr weiten Raum spricht. Vielleicht, weil sie im Verhältnis zu ihm dann so viel schwerer wiegen. Der Raum hat nichts entgegenzuhalten.

Die nächste Seite ist zerrissen und wieder zusammengeklebt. Ich ahne etwas.

Das Licht schimmert schwach durch die Vorhänge und die Zimmerpflanze dahinter zeichnet sich ab. Ich bleibe noch eine halbe Stunde liegen, so tue ich das meistens. Ich kann einfach nicht sofort das Bett verlassen, nachdem ich aufgewacht bin. Neben mir liegt Ylva und sieht so schön aus.

advaita

Nach jedem Treffen mit Menschen zermartere ich mir den Kopf. Besonders, wenn es keine glatten Abschlüsse gibt, kein flüssiges Hin- und Herpassen des Spielballs. Immer gibt es irgendwo ein kleines Missverständnis, einen Übersetzungsfehler, eine schlechte Telefonverbindung, ein nicht gesagtes Wort, einen überflüssigen Satz, eine zu kurze Umarmung.

Pelottaa.

[fürcht-CAUS-3SG]

Ich habe Angst.

Nur ein Wort. Auf Finnisch kann ich der Angst weniger Raum geben.

Lange kein Eintrag mehr. Dann:

Ein Verbum existendi ist ein intransitives Verb, das Bewegung oder Existenz (Zustand, Eintreten in einen Zustand, Aufhören oder Veränderung eines Zustands) bezeichnet, wie beispielsweise ‚Es starben Menschen‘. Quantifikation, Teilbarkeit, Definitheit und Referenz sind wichtige Eigenschaften des Existenzialsubjekts. Der Menschen. Auf Deutsch kommt das formale Subjekt Es ins Spiel. Das Sterben darf nicht ohne Weiteres im Fokus stehen.

Mein Körper schüttelte sich und weinte. Mein Geist schoss davon. In die Vergangenheit raste er, in ferne Länder, katapultierte sich ins All.

Die Verbindung wurde immer schwächer und brach ab. Endlich hatte ich erreicht, was ich insgeheim gehofft haben musste: Ich spürte mich nicht mehr. Entschuldigen konnte ich mich später. Er würde mir bestimmt verzeihen. Ich würde ihn dazu zwingen. Seine Stimme wurde laut und schrie. Mit meinen Stimmbändern, mit meinem Hals.

Da reißt mich mein Hirn auf die Treppe zurück. Dort stand ich mit ihr. Wie lange ist das her? Es war dunkel, doch ich erkannte deutlich ihr schönes Gesicht. Ich wollte ihr etwas geben, doch ich wagte es nicht. Sie spürte mein Zögern, lachte leise, formte mit ihren Händen eine kleine Schale, die sie vor mich hielt, und sah mich dabei direkt an.

Auf mein Spiegelbild zugehend beweine ich den verlorenen Moment. Ich sehe meine Lippen sich öffnen. Sie sagen etwas. Niemals wieder, vielleicht.

An einem einzigen Tag habe ich ihre langen Haare gesehen, die sie sonst niemals offen trug. Die Erinnerung verblasst schon. Hüftlang, denke ich. Sie lachte den Weg entlang und bog um die Ecke. Rot flog es dabei hinter ihr her.

Erst Dual, Ylva. Jetzt Plural. Eine kaum aushaltbare symmetrische Differenz.

Wenn ich immer nur dachte, würde ich vielleicht die Zuneigung zu ihr zerdenken, eliminieren durch Analyse. Wenn ich irgendwann bei der kleinsten Einheit angekommen sein würde, dann wäre meine Liebe auf Morphe heruntergeschraubt, ihr wäre etwas genommen.

Schon ist Ylva fort. Ihre Schulter wird wieder zum Felsvorsprung, ihre Füße wieder zu Birkenwurzeln.

Mein Körper lehnt sich auf gegen die starre, immerwährende Sattheit der Bäume. Er schüttelt sich, schüttelt mich, schüttelt die Erde. Da rutsche ich den Tunnel hinab. Am unteren Ende wartet er.

Die Vergangenheit ist nicht mehr erreichbar.

Und doch: Gelegentlich wird etwas zum Schwingen gebracht, das sich ganz genau erinnert.

In der Nacht liege ich wach. Mich quält ihre Stimme. Kaum zu hören, mehr gehaucht als gesprochen, und doch so fest und unerschütterlich wie ein ganzer Chor.

Es sind alte Momente, Fetzen, die vorbeiwehen und mich dabei mit ihrer scharfen Klinge der Erinnerung kräftig streifen. Ich gleite auf den Boden und bleibe dort liegen. Könnte ich es, würde ich mich noch tiefer nach unten graben, weit in die schützende Erde hinein. Ich fühlte mich bloßgestellt, damals, in den Momenten, in denen Ylva so leise mit mir sprach, immerzu wissend, immerzu ahnend, einer Göttin gleich. Ich winde mich am Boden hin und her, will es vertreiben, weiß, dass mir mein Gemüt einen Streich spielt, weiß, dass Ylva mir niemals solche Qualen verschafft hat.

Ich bin es selbst.

Einiges ist nicht dazu bestimmt, jemals vollständig geheilt zu werden.

In meiner Einfältigkeit, Ylva, habe ich dich oft gefragt, warum.

Folgendes Gedicht ist angeheftet:

elend

ist ein Alien

im fremden Land

träge Trauer

nicht umsonst

verwandt

Es scheint fast, als ob die Seiten untereinander tuscheln. Doch dazu muss ich vergessen, dass es der Wind ist, der sie durch das Fenster bewegt.

Lass es mich vergessen!

Ylva singt für mich, bis ich nichts mehr wahrnehme.

Alles in mir sträubt sich, ruft nach anderen Zeiten.

Doch was jetzt geschieht, ist wahrer.

Schließlich bin ich bei der letzten Niederschrift angelangt und erstarre.

»Auch der Frosthauch sprach mir Verse, Regen sandte mir Gesänge,

Andre Weisen brachten Winde, trugen mir die Meereswogen,

Sprüche führten zu die Vögel, Wipfel brachten Zauberworte.

Diese knüpfte ich zum Knäuel, band zusammen sie zum Bündel,

(…)

Schafft‘ es auf den Speicherboden, in den Schrein mit Erz beschlagen«[1]

Ich erinnere mich, wer diese Stelle aus dem Kalevala in die Truhe legte.

Nach einer Weile nehme ich einen Stift und schreibe eine Antwort auf den ersten Zettel:

Tässä on Taru.

[hier-INE sei-PRS:3SG Taru-NOM]

‚Hier ist Taru.‘


[1] Lönnrot, Elias (2005). Kalevala. Das finnische Epos des Elias Lönnrot. Wiesbaden: Marixverlag, S. 5

Singend und klingend

Das singende, klingende Springen
Gesellt sich zum lachenden, krachenden Bach
Und der still gedrillte Wille
Berührt die beiden ganz sacht

„Sprich, mein Freund“, sprudelt das Wässerlein
Erwartungsvoll blickt auch das Sängerlein drein
Doch dem Willen ist’s weder nach Reden noch Singen
Aber im singenden Klingen sich hoch hinauf schwingen
Das fänd‘ er sehr schön, doch gibt’s nicht zur Antwort
So verharren sie still und es vergeht eine Weile
Und nach einiger Zeit drängt das Bächlein zur Eile:

„Das Tal ist eigentlich mein Weg,
Und bleib‘ ich noch länger, so wird es zu spät!
Vor’m Abend will ich’s noch durchfließen
Um all die Menschen dort zu grüßen!“

So kracht und lacht es eilig davon
Das Singen und Klingen hopst geschwind hinterdrein,
Wendet zum Stillen sich einmal noch um,
Der, kaum verlassen, schon unendlich allein
Still um sein Leben schreit

„Ein and’res Mal sehen wir uns, eiserner Freund“,
Klingt und singt es dem Stillen entgegen
So ziehen von dannen die beiden vereint
Da bleibt nun der Wille, kann sich nicht mehr regen
Körperlos ist er und beginnt zu verstehen
Er kann weder greifen, noch halten, noch gehen
Das Sprechen ist seine einzige Gabe
So bricht er das Schweigen und es erschallt seine Klage
Als er dann sieht, was ihm nun entronnen,
Hüllt er sich in des Dunkels sich’res Gewand
Weit entfernt lacht es wie tausend Wonnen
Doch der Weg ist unüberwindbares Land

(2005)